mediacoffee: Erkenntnisse der ‚Großen‘ aus der deutschen Medienbranche

Pin It

Gestern abend habe ich mir selbst mal ein Bild gemacht, wie die ‚Großen‘ der Print-Medienbranche mit der Krise umgehen. Und ich war gespannt, so versprach der Titel, auf die ‚Gewinner und Auslaufmodelle‘ sowie Antworten auf die Frage ‚Wer profitiert von der Medienkrise?‘.

Fazit: Der Gewinner wird die Onlinewelt, denn die Zeit (nicht die ZEIT) spielt für die digitale Welt…

Das interessant besetzte Podium mit Hans Werner Kilz (Chefredakteur, Süddeutsche Zeitung), Wolfgang Blau (Chefredakteur, ZEIT Online/Tagesspiegel.de), Dr. Dirk Ippen (Verleger, Münchener Zeitungs-Verlag GmbH & Co. KG) und Markus Peichl (LeadAcademy) wirkte irgendwie lustig und ausgelassen auf den Zuhörer. Man traf sich eben auf einen Kaffee um über Medien zu plaudern… Und man war sich in einem einig: Der Mensch hat zukünftig immer weniger Zeit und deshalb muss man sich neue Medienkonzepte überlegen. Eine bahnbrechende Erkenntnis…?

Bestes Beispiel für die Ausgelassenheit der Referenten war eine Aussage von Hans Werner Kilz, der seine Leserschaft mit der seiner eigenen Redaktion verglich: „Die Leser der SZ sind so alt wie die Redaktion. (Publikum bricht in Lachen aus!) – ich verstehe nicht, was es hier zu lachen gibt“.

Nein, entweder die Panelisten haben hier nicht ganz verstanden, was derzeit in der Medienwelt los ist, oder sie wollten dem Publikum nicht die Wahrheit sagen und einfach nur ein wenig Lobbyarbeit leisten. Platitüden wie „Bloggen und Online sind kein Journalismus zweiter Klasse mehr“, „Wir haben schon graue Haare, wir haben schon viel erlebt, aber komplett verändert hat sich nichts“ oder „Es ist eine spannende Zeit jetzt Journalist zu werden…“ wurden entsprechend vom Auditorium belächelt. Ernst nehmen konnte man die Aussagen nicht…

Wolfgang Blau lag sicherlich richtig mit der Aussage, das Konzept der Zeitung stamme aus dem Industriezeitalter und sei ueberholt. Ob allerdings, wie Blau meinte, nur die Onliner überleben, die eine starke Printredaktion im Rücken haben, wage ich schwerstens zu bezweifeln. Denn Beispiele wie die Huffington Post und die komplette Umstellung diverser Verlage auf Online, allen voran die Webstrategie der New York Times scheinen in eine andere Richtung zu deuten.

Fasziniert hat mich, daß das Thema Monetarisierung nie wirklich diskutiert wurde. Ja, man erkennt, daß sich qualitativer Journalismus durchsetzen wird. Aber, wenn die BILD-Zeitung mit einer halben Größe (Tabloid-Format) auf den Markt gehen wird, ist das eher ein Zeichen, daß Produktionskosten gesenkt werden, denn das hier innovative Verlegerarbeit geleistet wird.

Oder wie Kilz es so treffend selbst formulierte: „Die Vertriebserlöse sind in diesem Jahr wahrscheinlich erstmals höher als die Anzeigenerlöse“. Dennoch glaubt Dr. Ippen immernoch an Print und will auch weiterhin in Print investieren. Liesst man seinen Twitter-Account glaubt man es sofort…

Immerhin hat man erkannt, daß die IVW auf den Prüfstand gestellt werden muß. Forderungen von Markus Peichl allerdings zu folgen, der neue Bewertungskriterien à la ‚emotional value‘ von Zeitschriften jenseits von reinen Zahlen forderte, ist ein steiniger und glühender Pfad, der Medien nicht finanziert.

Denn: Wer schonmal ein Medium vermarktet hat, der weiß, daß Agentuen und Kunden nur ein Zahlensystem bei der Medienvermarktung verstehen.

Spot On!
Grundsätzlich frage ich mich, warum sich die ‚Großen‘ der Medienwelt nicht endlich mal zusammensetzen und versuchen, ihre Vertriebserlöse online zu erhöhen, respektive die der Printversionen zurück zu holen. Denn wenn Kilz feststellt, daß „fünf gute Artikel in der SZ pro Tag zwei Euro rechtfertigen“, dann ist Paid Content -auch online- doch gar nicht soweit entfernt. Wenn die Qualität der Redaktion großer Medienhäuser mehr wert ist als die der z.B. Bloggosphäre (q.e.d), dann müssen sich die Großen eben zusammensetzen und ein Abo-Modell entwickeln, was einfach und leicht zu handhaben ist für den User. Ob man die zwei EUR am Kiosk oder im Netz los wird, ist dem User egal. Daß das Netz ewig kostenlos ist, kann aber dem Verleger nicht gleichgültig sein.

Ein Satz ging mir die ganze Veranstaltung durch den Kopf: Stell Dir vor es ist Krise und dennoch laufen die ‚Großen‘ der deutschen Medienbranche immernoch ‚prind’* durch die Welt.

Und das obwohl in Amerika bereits mehr als 120 Printmedien im letzten Jahr dicht gemacht wurden, sagt man hier einfach: Was in Amerika passiert, kann man nicht 1:1 auf Deutschland projezieren. Doch kann man, wie die neusten PWC Meinungen und Zahlen zur Rezession in der Medienbranche zeigen.

Der Chefredakteur ist sicherlich nicht der Monetarisierungsexperte der Medienlandschaft, aber von langjährigen Experten der Medienbranche erwarte ich mehr als nur die Aussicht: Qualitätsjournalismus setzt sich durch.

*prind = print und blind

Related Posts

Kommentare

7 Kommentare zu "mediacoffee: Erkenntnisse der ‚Großen‘ aus der deutschen Medienbranche"

  1. Heike Bedrich am 16.06.2009 11:01 

    Obwohl Blau meinte, dass endlich offen diskutiert werden würde, blieb die Diskussion doch oberflächlich und manche Aussagen muss man als „sarkastisch“ bezeichnen. Wenn Onlineleser nicht den „Grips“ haben wie Printleser, dann fasse ich mir einfach an den Kopf. Hallo? Sicherlich, es werden Printmagazine überleben, die großen Tageszeitungen wahrscheinlich auch, aber wir werden im Lokalbereich ganz bestimmt eine Konsolidierung sehen, dennoch müssen sich die Verlage überlegen, ob es denn noch sinnvoll ist, auch Online als Verlag ticken zu wollen. Ich sehe so viele tolle Beiträge in Blogs, und es steht kein Verlag dahinter. Journalisten, die einen guten Qualitätsjournalismus liefern, brauchen auch keinen Verlag mehr im Netz, sie können sich selbst vermarkten. Für mich stellt sich ganz klar die Frage, ob Verlage und damit Verleger im Netz eine Zukunft haben, oder ob sich das Netz anders organisieren wird (im Grunde passiert das ja heute auch schon, s. Huffington Post).
    Viele Grüße, Heike Bedrich

  2. Jens Petersen am 16.06.2009 11:06 

    Besten Dank für die kritische und lesenswerte Würdigung des gestrigen Abends. Nur eine kleine Bemerkung sei gestattet: Bisher ist mir nichts darüber bekannt, dass man in einer Krise besser agiert, nur weil man bei einer Diskussionsrunde grießgrämig dreinschaut. Anyway. Die offizielle Nachbereitung des Abends von uns gibt es hier: http://twurl.nl/6impv7 oder unter http://www.presseportal.de nach „media coffee“ suchen.

  3. Ulrike Langer am 16.06.2009 11:41 

    Danke für diesen Einblick. Scheint erstens, als ob der media coffee nichts war, wo man unbedingt gewesen sein muss, wenn man sich für die Zukunft des Qualitätsjournalismus interessiert. Scheint zweitens, als ob Wolfgang Blau der einzige war, der zukunftsweisend diskutiert hat.

  4. Martin Meyer-Gossner am 16.06.2009 11:50 

    @Heike Bin ganz Deiner Meinung. Kilz Andeutung, Printleser seien schlauer und lange Artikel funktionieren nur im Print, klang wie eine Aussage von Medienexperten um die Jahrtausendwende. Man war froh als Blau konterte ‚Woher wissen Sie, dass die im Print auch tatsächlich gelesen werden?'“ Dennoch ist auch die ZEIT in einer Selbstfindungsphase zwischen Schluss mit dem Geschnatter … http://bit.ly/4O6im und … Mitmachweb = Selber schnattern… http://twitter.com/Zeitonline

    @Jens Nein, das war ja gerade das tolle an dem Abend, das gelacht wurde… in zeiten der Medienrezession. Es darf gelacht werden und das ist gut so. Man stellte sich nur die Frage: Hat man über sich selbst gelacht?

  5. Mit Trennung von Online und Print aus der Krise? | TechBanger.de am 17.06.2009 06:57 

    […] Bei thewebstrategy.com fragt sich Martin Meyer-Gossner, wieso die großen Verlage nicht endlich mit einer gemeinsamen Vertriebslösung für den Onlinebereich kommen und nennt sie “prind = print und blind”. […]

  6. Lutz Meyer-Goßner am 17.06.2009 09:44 

    Hallo Martin, ein sehr informativer Artikel. Wie gut, dass ich nicht mehr der Jüngste bin und bisher noch ausschließlich von Print-Medium leben kann.
    Viele Grüße
    LMG

  7. Was bedeutet das Ende der gedruckten Zeitung für den Journalismus? | billigberaten.biz am 18.06.2009 00:11 

    […] auf die Frage, wie Qualitätsjournalismus künftig finanziert werden könne, wie ein Geschäftsmodell für Onlinejournalismus aussehen könnte, werden allerdings weiter […]

Schreiben Sie Ihren Kommentar...
(Ein Foto neben dem Kommentar erhalten Sie bei Gravatar.com)