Partizipation 2.0: Gedanken zur Teilnahme an Web-Events

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Liest man sich so die letzten Nachlesen zur re:publica durch –hier, hier, hier und hier– so bilden sich mehr und mehr Falten auf meiner Stirn. Nachdenkliche. Fragende. Suchende. Wo ist der Mehrwert der Partizipation an solchen Veranstaltungen über die Zukunft des Web, die da in London, Paris, New York oder eben auch Berlin stattfinden?

Bei jeder Web-Veranstaltung überlege ich: „Teilnehmen oder nicht?“ Teilnehmen ist heute mehr Arbeit denn je. Aber nur, wenn ich denn partizipiere, wie das heute heisst. Aber ist Partizipation nun gleich Partizipation? Und wenn ja, wie definiere ich zukünftig das Luxusgut offline einem Event beizuwohnen? Tweets schreiben, Blogpost Resumee anfertigen und im Web kommentieren? Oder meint es eher… Mitmachen. Kommunizieren. Diskutieren. Oder beides? Dann geht es an die Substanz. Dann ist es harte Arbeit.

Aber was wäre modernes Partizipieren 2.0 bei solchen Events? Partizipieren stelle ich mir mal so vor…

Partizipieren wäre interaktiv, z.B. eine Diskussionsrunde, in der Wissen geteilt wird. Es wird moderiert, nicht referiert. Auf die Diskussion bin ich voll konzentriert, und nicht zerstreut umherwandernd zwischen realen und virtuellen Kommunikationssträngen. Ein offener gestalteter Vortrag, der animiert, der frägt, der Wissensteilung ermöglichen will. Jemand, der Imperative wie Teilen, Unterbrechen, Nachfragen als Grundlage des Vortrages sieht. Wann wird ein Zuhörer vom Vortragenden mal persönlich animiert zum Mitdenken? Wann wird man involviert in den Vortrag? Und wann kritisiert ein Zuhörer den Sprecher auf der Bühne (Gedanken an das aristotelische Theater sind hier erlaubt)? Oder wäre das zu spontan, dem „Homo Connectus“ unangenehm in der Offlinewelt 1.0? Ist Partizipation 2.0, ein Schritt dem Menschen zu fern…

Seit Jahren erscheint mir fraglich, ob sich die Zeit auf den einschlägigen „Web-Zukunfts-Veranstaltungen“ auszahlt. Seit Jahren kommen diese Events sehr brav und angepasst daher im 1.0 Stil daher. Seit Jahren fehlt mir die Symbiose aus Offline- und Onlinediskurs, die selbst Twitterwalls nicht einmal schaffen (wenn vorhanden oder vom Vortragenden/Moderator darauf eingegangen wird…). Wie sinnvoll ist es, der „Web-Avantgarde“ unumwunden zuzuhören oder mit ihr den Diskurs online zu pflegen, wenn er offline bei Events nicht existent ist, geschweige denn gelebt wird? Man schaue sich nur an, wie dieser „Inner Circle“ an ihren Smartphones, Tablets oder Notebooks klebt. Zuletzt habe ich Tweets von Leute gelesen, die Sprecher oder Moderatoren bei solchen Web-Events am liebsten von der Bühne gezogen hätten. Erkennenswert aufbegehrt hat niemand. Aber haben die Kritiker denn dann wirklich partizipiert im zukunftsträchtigen Sinne?

Oft hatte ich auf nationalen wie internationalen Veranstaltungen der letzten Jahre den Eindruck, eine Community in der Community inszeniere und feiere sich selbst – ohne weiterhin selbst mitzuwirken. „Den Vortrag habe ich schon zigmal gehört, lass uns einen Kaffee trinken gehen…“ konnte man mehrfach hören. Muss ich nicht gerade dann den Vortragenden unterbrechen, zum Weiterdenken motivieren, um so „Geteiltes Wissen“ zu aggregieren, zu katalysieren, zum Leben zu erwecken? Stehe ich sonst nicht als einstieger Vordenker schnell im Abseits, ohne es zu merken und verhindere den erwünschten Mehrwert für alle?

Noch vor wenigen Jahren galt es als Wissensvorsprung ein Teil der Web-Avantgarde zu sein und bei solchen Events mitmachen „zu dürfen“. Doch dank des Webtrends des „Geteilten Wissen“ wird schnell eine Mainstreambewegung des Networking aus diesen Events aufgrund der alten Event-Tradition, Vortrags-Mentalität und Marketingabsichten der Referierenden 1.0. Wo entspringt dem online „geteilten Wissen“ mal ein zündender Funke auf modernen Veranstaltungen, der den Offline-Diskurs auf den Plan ruft? Irgendwie beherrscht der lähmende Monolog auch weiterhin die dialogmüden Massen der Eventteilnehmer – zumindest während der Vorträge.

Sobald der Event endet, kehrt der Diskussionsdurst in Blogs schlagartig zurück. Es entsteht Kritik, Lob und Anregungen. Die Blogosphäre lebt auf. Während des Events aber verstummt die viel gepriesene Konversation. Mal aufgrund fehlender Brandbreite, mal aufgrund fehlender Motivation an Partizipationsinitiative oder -motivation. Obwohl doch der Wunsch und Drang da ist, etwas zu sagen.

Kann sich die Web-Avantgarde dank ihrer Blogs gerade deshalb von der Gemeinde des „Web Normalicus“ distanzieren? Und macht das den Unterschied zwischen Vordenker 2.0 und Partizipant 2.0 aus? Oder wächst, adaptiert und lernt dieser traditionelle Kommunikationstyp unaufhaltsam. Und lebt inzwischen die Event-Partizipation intensiver und nachhaltiger in persönlichen Gesprächen nach den Vorträgen, ohne aber darüber in Blogs zu philosophieren….?

Vielleicht gehen diese Gedanken aber auch zu weit, zu abwegig, zu revolutionär… Was meint ihr zur Partizipation 2.0?

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Kommentare

6 Kommentare zu "Partizipation 2.0: Gedanken zur Teilnahme an Web-Events"

  1. Wilfried Schock am 11.05.2011 10:25 

    Durchaus nachvollziehbare Gedanken, die mir alles andere als fremd sind. Kompliment. Vielleicht hinkt die Webavantgarde der Realität bereits hinterher?

  2. Martin Meyer-Gossner am 11.05.2011 11:26 

    Sagen wir mal, vielleicht überschätzen manche Personal Branding vs. Listening… Danke für Feedback.

  3. 99 Köpfe des Social Web: Harald Link, Kommunikationsberater am 20.05.2011 08:10 

    […] und Glaubwürdigkeit immer wieder Vertrauen zu etablieren. Statt bei der x-ten Konferenz oder dem y-ten Event den Gesprächspartnern Informationen abzusaugen, kann offener, multilateraler Dialog für […]

  4. Participation 3.0: Thoughts on attending web events am 08.06.2011 10:43 

    […] Tweet Gerd Altmann/AllSilhouettes.comBefore we start… Yes, I have published this post as Partizipation 2.0 in German some weeks ago. Now, after having been to different other web events like i.e. TEDx […]

  5. elke wiedmaier am 07.07.2011 13:07 

    this is a huge challenge for all conference companies – risk but fun. i’d love to give it a try, not only at one of the super-trendy web conferences but at one directed at the corporate world.

  6. Martin Meyer-Gossner am 07.07.2011 15:59 

    Elke, that sounds like a real interesting opportunity to bet a feeling how moderators, speakers and attendees might react and are able to cope with disruption and being disturbed in participation…

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